Die Flamme ist erloschen, die Medaillen sind vergeben, die Bilder aus Norditalien gehen um die Welt – die Olympische Winterspiele 2026 sind offiziell beendet. Doch jenseits sportlicher Höchstleistungen stellt sich für die Eventbranche eine grundsätzliche Frage: War das konsequent dezentrale Location-Konzept ein zukunftsweisendes Modell für sportliche Mega-Events – oder ging dabei ein Stück Zusammenhalt verloren?
Die Redaktion des Eventmagazins EventMasterBook hat genauer hingeschaut und analysiert, was schwerer wiegt: der Anspruch auf Nachhaltigkeit durch Nutzung bestehender Infrastruktur – oder das Gemeinschaftsgefühl, das traditionell aus einem Zentrum, einem Olympischen Dorf, und verbindenen Ereignissen erwächst. Hat das dezentrale Multi-Location-Konzept überzeugt? Oder braucht ein sportliches Mega-Event am Ende doch einen klaren Mittelpunkt?
Mit den Olympische Winterspiele Milano Cortina 2026 haben die Verantwortlichen ein Organisationsmodell umgesetzt, das eine Blaupause für künftige sportliche Mega-Events sein könnte. Bei dem Multi-Location-Konzept fanden die Wettkämpfe nicht in einem zentralen Olympiagebiet statt, sondern verteilt über mehrere Regionen Norditaliens – von urbanem Umfeld bis zu verschiedenen alpinen Wintersportzentren.
Die zentrale Frage für die Eventbranche lautet: War dieses Modell ein Fortschritt – oder ging dabei ein Stück olympischer Identität verloren?
Nachhaltigkeit als Leitmotiv
Das wichtigste Argument für die geografische Streuung war die Nachhaltigkeit. Statt milliardenschwere Neubauten in einer einzigen Stadt zu errichten, griff das Organisationskomitee überwiegend auf bestehende Weltcup-Standorte zurück. Modernisiert wurde dort, wo es nötig war – neu gebaut nur in Ausnahmefällen.
Dieses Prinzip entspricht der Reformagenda des IOC, die flexiblere, ressourcenschonendere Spiele vorsieht. Bestehende Sportstätten werden intensiver genutzt, das Risiko späterer "White Elephants" (d.h. nach den Spielen nicht mehr genutzter "Investitionsruinen") sinkt. Gleichzeitig verteilen sich Investitionen in Infrastruktur – etwa im Bereich Mobilität oder Energie – auf mehrere Regionen. Das steigert die politische Akzeptanz und schafft breitere regionale Wertschöpfung.
Auch touristisch eröffnete das Milano-Cortina-Konzept neue Perspektiven: Statt nur einer Gastgeberstadt profitierten verschiedene Destinationen von internationaler Sichtbarkeit. Für Regionen mit etabliertem Wintersportprofil bedeutete das eine langfristige Image-Stärkung.
Logistische Komplexität als Herausforderung
Doch die Medaille hat eine Kehrseite. Die geografische Ausdehnung brachte signifikante logistische Herausforderungen mit sich. Lange Transferzeiten zwischen den Clustern erschwerten den Austausch zwischen Wettkampfstätten, Medienzentren und Hospitality-Bereichen. Für Zuschauerinnen und Zuschauer war es kaum möglich, mehrere Sportarten an unterschiedlichen Orten live zu erleben.
Hinzu kommt die operative Komplexität: Mehrere Sicherheitszonen, dezentrale Athletenunterkünfte, parallele Organisationsstrukturen. Ein solches Setup erfordert präzise Koordination und robuste Mobilitätskonzepte – mit entsprechendem Kosten- und Planungsaufwand.
Der Verlust des "Olympischen Dorfs" als Kritikpunkt
Ein emotional diskutierter Aspekt der Dezentralisierung betrifft die soziale Dimension. Athletinnen und Athleten waren überwiegend in disziplinspezifischen Clustern untergebracht – an den Orten trafen sich vornehmlich Menschen, die sich ohnehin aus dem Weltcup kennen.
Kritiker bemängeln, dass spontane Begegnungen zwischen Sportarten und Nationen seltener waren. Das klassische Bild eines zentralen Olympischen Dorfs als Schmelztiegel der Kulturen verlor an Bedeutung. Für viele war genau dieser Austausch bislang Teil der "Olympischen Magie".
Aus Event-Perspektive stellt sich hier eine strategische Frage: Wie wichtig ist das gemeinsame Erlebnis im Vergleich zu Effizienz und Nachhaltigkeit? Und lässt sich Gemeinschaft auch in dezentralen Formaten neu denken – etwa durch digitale Vernetzung oder zentrale Begegnungsformate?
Dezentrale Events – Ein struktureller Trend?
Das dezentrale Modell von Milano Cortina 2026 ist kein Einzelfall. Die Olympische Winterspiele 2030, die von Frankreich ausgerichtet werden, setzen ebenfalls auf mehrere Standorte in den Alpen, mit Nizza am Rande der Alpen als Hauptort (analog Mailand).
Die Gründe sind ähnlich: Kostenkontrolle, Nutzung vorhandener Infrastruktur, politische Unterstützung – und das wachsende Bewusstsein für ökologische Verantwortung. Mega-Events müssen heute anders legitimiert werden als noch vor 30 Jahren. Dezentralität ist dabei ein Instrument, um Größe mit Nachhaltigkeitsanspruch zu verbinden.
Herausforderung für die Eventbranche
Das Multi-Location-Konzept von Milano-Cortina 2026 war weder Allheilmittel noch Fehlentscheidung. Es hat gezeigt, dass große Sportevents ohne gigantische Neubauprojekte realisierbar sind – ein wichtiges Signal an potenzielle Gastgeberregionen. Gleichzeitig offenbarte es Grenzen in Bezug auf Logistik, Erlebnisqualität und Gemeinschaftsgefühl.
Für Eventmanagerinnen und Eventmanager bleibt die Erkenntnis: Die Zukunft großer Veranstaltungen liegt vermutlich in hybriden Modellen. Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und regionale Einbindung gewinnen an Gewicht. Doch das emotionale Narrativ – das gemeinsame Erleben, der Spirit eines zentralen Treffpunkts – darf nicht verloren gehen.
Die entscheidende Herausforderung liegt daher nicht in der Frage "zentral oder dezentral", sondern: Wie lässt sich trotz geografischer Verteilung ein verbindendes Erlebnis schaffen? Genau hier wird sich entscheiden, ob das Multi- bzw. Mehr-Location-Konzept zum neuen Goldstandard wird – oder lediglich eine Übergangsphase im Wandel globaler Sportveranstaltungen darstellt.
Möglichkeiten für Gemeinschaft trotz Dezentralisierung
Die Erfahrung der Winterspiele 2026 hat gezeigt, dass räumliche Verteilung nicht nur Vorteile mit sich bringt. Wenn bei der Abschlussfeier, wie gestern, am 22. April 2026 in Verona, bereits zahlreiche Athletinnen und Athleten abgereist sind, wird deutlich, dass das klassische Gemeinschaftsversprechen der Spiele nicht mehr automatisch trägt. In durchprofessionalisierten Spitzensportarten mit engen Wettkampfkalendern, Sponsorenverpflichtungen und Regenerationszyklen konkurriert das Gemeinschaftserlebnis mit sehr realen Leistungsanforderungen.
Gerade deshalb braucht ein Multi-Location-Event bewusst gestaltete, verbindende Elemente.
Ein zentraler Ansatz könnte eine exklusive, nur für Teilnehmende zugängliche Event-App sein, die nicht bloß organisatorische Informationen liefert, sondern aktiv Vernetzung fördert. Denkbar wären Matching-Funktionen zwischen Sportarten und Nationen, digitale Challenges oder ein spielerisches Belohnungssystem, das Interaktion sichtbar macht und honoriert. Eine solche Plattform würde physische Distanz nicht vollständig ersetzen, könnte aber soziale Dynamik erzeugen und Begegnungen vorbereiten, die anschließend real stattfinden.
Noch entscheidender ist jedoch die Inszenierung eines Moments, an dem tatsächlich alle zusammenkommen. Die Abschlussfeier müsste dafür neu gedacht werden. Statt sie als formalen Schlusspunkt nach zwei intensiven Wochen zu platzieren, könnte sie stärker als emotionaler Höhepunkt mit Festivalcharakter konzipiert werden – mit interaktiven Elementen, kurzen Mixed-Formaten oder sportartenübergreifenden Ehrungen, die nur dort stattfinden.
Auch eine hybride Dramaturgie wäre denkbar: alle, die schon abreisen mussten, könnten digital zugeschaltet werden, sodass trotz physischer Trennung dennoch ein gemeinsamer, medial kraftvoller Moment entsteht. Die Trennung wird nicht kaschiert, sondern kreativ inszeniert.
Entscheidend sind dabei echte Anreize. Neben symbolischem Prestige könnten organisatorische Maßnahmen wirken: Bonuszahlungen der Verbände, zusätzliche Medienpräsenz oder exklusive Networking-Formate mit Partnern und Sponsoren. Auch sportlich motivierte Elemente wären möglich – etwa die Ehrung besonderer Fair-Play- oder Teamleistungen ausschließlich im Rahmen der Abschlussveranstaltung. Wenn relevante Auszeichnungen oder zusätzliche Sichtbarkeit an die physische Teilnahme gekoppelt sind, steigt die Bereitschaft zu bleiben. Was nicht reicht, ist, sich als Destination oder Organisation ausschließlich selbst zu feiern.
Letztlich zeigt sich: Gemeinschaft entsteht in dezentralen Strukturen nicht zufällig. Sie muss strategisch geplant, technologisch unterstützt und emotional aufgeladen werden. Wenn es gelingt, digitale Vernetzung mit einem klar definierten, attraktiven gemeinsamen Höhepunkt zu verbinden, kann auch ein Multi-Location-Event ein kollektives Erlebnis schaffen. Ohne solche bewussten Klammern jedoch droht das dezentrale Konzept zwar nachhaltig effizient, aber atmosphärisch fragmentiert zu bleiben.
Titelbild: Olympische Winterspiele Milano Cortina 2026 – Event-Analyse – Vor- und Nachteile des Multi-Location-Konzeptes (Collage: Redaktion EventMasterBook | Fotos: Canva Bildarchiv)

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Zusammenfassung:
Die Olympischen Winterspiele 2026 in Milano-Cortina zeigen, dass dezentral organisierte Multi-Location-Konzepte Nachhaltigkeit und regionale Wertschöpfung fördern – gleichzeitig aber klassische Gemeinschaftserlebnisse schwinden. Eventmanager:innen können digitale Vernetzung, kuratierte Begegnungen und eine auf Verbindung fokussierte Abschlussfeier nutzen, um trotz geografischer Streuung starke gemeinsame Momente zu schaffen. Eine Eventanalyse des EventMasterBook Event-Magazins.







